II. Wirtschaftliche Verhältnisse (Economic relations)


erstellt: 13.04.1999, E-mail Bernd Blömer, Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Dank an Marianne Kessler für die Übersetzung (Thanks to Marianne Kessler for making this translation)!

English see below!

Es wäre gewiß von großem Interesse, wenn wir die Geschichte der einzelnen Bauernhöfe mit ihren wechselvollen Schicksalen von ihrem Entstehen an durch alle Jahrhunderte hindurch verfolgen könnten. Doch das ist nicht möglich. Wo die Bauernhöfe unserer Heimat in die Geschichte eintreten, sind sie fertig da und können schon auf ein Alter von mehreren Jahrhunderten zurückblicken. Die ersten Nachrichten über sie erhalten wir durch die Heberegister des Klosters Werden vom Jahre 890 und des Klosters Korvey aus dem Jahre 1000 und 1195. Aber auch aus ihnen können wir über die einzelnen Höfe nichts Bestimmtes entnehmen. Wir können mit den uns seltsam anmutenden Namen, wie Ajo, Hemego, Avaric, Festgelt usw. wenig anfangen, da wir nicht wissen, welche Höfe damit gemeint sind. Man kannte in der ersten Hälfte des Mittlealters nur Personennamen, keine Familiennamen. Der Sohn wurde mit einem anderen Namen benannt als der Vater, und der Enkel führte wiederum einen anderen Namen, und so blieb es bis ins 13. Jahrhundert. Gleichwohl sind uns die in den Heberegistern hinterlassenen Nachrichten überaus wertvoll, da wir aus den Abgaben, welche die zinspflichtigen Bauern an die Klöster Werden und Korvey zu entrichten hatten, die wirtschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit kennen lernen. Um 890 stehen die Produkte der Landwirtschaft im Vordergrunde. Von allen Getreidearten ragt der Roggenanbau ganz bedeutend hervor. An zweiter Stelle kommt der Hafer. Als weitere Abgabe wird auch Mehl genannt, das mit dem Scheffel gemessen wurde. Doch scheint das Mehl wegen der mühsamen Gewinnung auf Handmühlen (Mörsern) in verhältnismäßig hohem Werte gestanden zu haben und wurde nur in geringem Maße als Abgabe eingefordert. Auch Bienenzucht muß man damals getrieben haben. Denn Honig wird wiederholt als Abgabegegenstand erwähnt. Die Viehzucht tritt hinter der Ackerwirtschaft noch zurück. Von dem Hausvieh werden unter den Abgaben Schweine und Schafe, aber noch keine Rinder erwähnt. 890 wird auch der Heeresschilling als Abgabe genannt. Es war die traurige Zeit der Einfälle der Normannen, welche von Jütland und den umliegenden Inseln aus zu Schiffen ganz Europa beunruhigten und namentlich über Friesland und das Sachsenland unglaubliches Elend brachten. Sie landeten plötzlich und unerwartet, drangen die Flüsse hinauf mit 200-600 Schiffen, raubten und brandschatzten. Daß sie auch unsere Heimat heimgesucht haben, deutet das Werdener Heberegister an, indem es zwei Höfe, einen zu Rechterfeld und einen zu Hanstedt, als verwüstet und verlassen aufführt.

Ein Vergleich des Heberegisters vom Jahre 890 mit denen der Jahre 1000 und 1195 zeigt sodann, wie Ackerbau und Viehzucht unter der Anleitung der Benediktinermönche, die auf ihren Höfen Musterwirtschaften hatten, einen bedeutenden Aufschwung genommen haben, und läßt auf eine mindest ebenso hohe Bevölkerungsdichte schließen, wie sie jetzt vorhanden ist. Bedeutend ist die Schaf- und Rinderzucht in Aufschwung gekommen; überhaupt zeigen die landwirtschaftlichen Erträge in mancher Beziehung eine Reichhaltigkeit, wie sie unsere Zeit kaum erreicht hat. Neben Rindern, Schafen, Gänsen, Hühnern, Käse, Eier, Roggen, Hafer, Gerste und Weizen sind eine fast regelmäßige Abgabe aus der Schafwolle gewebte Tuche. In den letzten Jahrhunderten des Mittelalters bis in die Neuzeit erhielt dann die Viehzucht das Übergewicht über die Ackerwirtschaft. Im 16. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts verfügen die Bauern über eine erstaunliche Anzahl von Vieh, so daß man sich wundern muß, wie dasselbe auf den Höfen hat gehalten werden können. Man muß aber bedenken, daß die ausgedehnten Marken vom Frühjahr bis tief in den Herbst eine, wenn auch kärgliche, so doch hinreichende Nahrung boten, Stallfütterung somit nur für die wenigen Wintermonate notwendig war. In einer Zeit, wo Handel und Verkehr nach Oldenburg, Bremen, Osnabrück und Münster nur durch Fuhrwerke vermittelt wurde, wo die Straßen im Winter kaum zu passieren, der Boden infolge mangelhafter Entwässerung schwer zu bearbeiten war, wo viele und schwere Spanndienstpflichten auf den Höfen lasteten, war die Verwendung von vielen Pferdekräften eine Notwendigkeit. Unter Berücksichtigung dieser Umstände kann man es einigermaßen begreifen, wie auf Höfen, für die jetzt 2-3 Pferde genügen, im 16. Jahrhundert 7-10 Pferde gehalten wurden. Der 30jährige Krieg bildet dann einen Wendepunkt in wirtschaftlicher Beziehung. Durch den Krieg war der Viehstand vernichtet, der Acker vielfach zur Heide geworden, und man mußte wieder von vorne anfangen; man begann allmählich den Acker wieder zu bestellen und suchte auch die arbeit- und heimatlosen, auf den Höfen sich herumtreibenden Elemente, eine Erbschaft des langen Krieges, für den Ackerbau zu gewinnen. Dieser behielt von jetzt an das Übergewicht, bis die sogenannte Leutenot in der neuesten Zeit vielfach nötigt, in vorwiegendem Maße zur Viehwirtschaft zurückzukehren.

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English

It would surely be of great interest, if we could follow the history of individual farms with their ever changing destinies, from their beginning thru all centuries. But that is not possible. As the farms of our homeland enter into the history, they are complete and can look back onto an age of several centuries. The first report about them we obtain thru the tax assessment lists  (Heberegister) of the Abbey Werden from the year 890 and the Abbey Korvey from the year 1000 and 1195. But even from these we can not get anything definite about the individual farms. We can't do much with these strange charming names , like Ajo. Hemego, Avaric, Festgelt etc. since we do not know which farms are meant. In the first half of the middle ages, one had only given names, not family names. The son would be known with a different name then his father, and the grandson a different one again. It stayed like this until the 13th century, At the same time, the information out of the tax assessment lists (Heberegister) is extremely valuable., since we can learn about the economic situation from the taxes the farmers were obligated to pay to the Abbey Werden and Korvey. Around 890 the products of the agriculture are standing at the forefront. Of all the species of grain, the most dominant is rye. Second place is oats. Flour is also mentioned as tax, which was measured by the bushel (Scheffel). But it looks like the flour had a relative high value because of the difficult , labor intensive grinding with hand held mills (mortars). It was requested only in small measures as tax. Beekeeping must also have existed, because Honey was repeatedly mentioned as payment. Stock farming is listed behind agriculture. From live stock, pigs and sheep were mentioned as tax payments, but still no cattle. 890 the army shilling (Heeresschilling) was as tax. It was a sad time during the invasion by the Normans which came by ship from Jutland and the surrounding islands and troubled all of Europe and brought unbelievable misery especially to Frisia and the land of Saxony. They landed suddenly and unexpectedly, forcing their way up river with 200 - 600 ships, looting and plundering. That they also haunted our homeland is shown in the Werdener tax assessment list. In it were two farms, one in Rechterfeld and one in Hanstedt, listed as ravaged and abandoned.

A comparison of the tax assessment lists (Heberegister) from the year 890 and the ones from the year 1000 and 1195, show how agriculture and stock farming under the direction of the Benedictine monks, who had model farms, took a significant upswing. This would indicate to a population density at least as high as it is now. Important is the upswing in the sheep and cattle breeding. On the whole, the agriculture entries show in some connection an abundance, as our times hardly achieved. Apart from cattle, sheep, geese, chickens, cheese, eggs, rye, oats, barley and wheat, is an almost consistent listed tax , a cloth woven from sheeps' wool. In the last few centuries of the middle ages until modern times, stock farming was predominantly over agriculture. In the 16th century and the first half of the 17th century, the farmers were in charge of such large quantities of live stock, that one has to wonder how they were kept on the farms. One must but consider, that the extensive land, from spring until late in the fall  offered a sufficient, even if scant, supply of food. The feeding in the barn was then only necessary in the few winter months. In a time, when trade and traffic to Oldenburg, Bremen, Osnabrueck and Muenster were possible only via wagon, when roads were almost impassable in the winter, the soil difficult to work due to insufficient drainage, when many and heavy gratuitous service obligations weighed upon the farms, the use of horsepower was a necessity. Considering these circumstances, one can somewhat understand that for farms nowadays needing only 2-3 horses, in the 16th century 7-10 horses were kept. The 30 year war brings then the turning point in relationship to the economy. Because of the war, the live stocks were destroyed, the fields in many cases turned to heathland, and one must again start anew; gradually one starts to work the soil, and searches also for the unemployed and homeless, the on the farms loitering elements, an inheritance of the long war, to win them for farming. Which from then on kept the dominance until later, when the so-called people shortage made it necessary to go back to stock farming.

© 1999

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