VI. Eigentumsrecht an den Höfen


erstellt: 17.05.1999, E-mail Bernd Blömer, Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Dank an Marianne Kessler für die Übersetzung (Thanks to Marianne Kessler for the translation)

English see below

In den ersten Jahrhunderten des Mittelalters beruhte alle Macht auf dem Grundbesitz; das bewegliche Kapital hatte bis in die Zeit der Kreuzzüge noch keine Bedeutung. Die Bischöfe und Klöster, die Herzöge und Grafen und ebenso der König waren in erster Linie Großgrundbesitzer. Ihr Bestreben war darauf gerichtet, den Besitz von Grund und Boden zu vermehren und die auf demselben lebenden Leute von sich abhängig zu machen. Die unruhigen Zeiten des späteren Mittelalters trugen dazu bei, daß auch die bis dahin frei gebliebenen Höfe, insofern sie sich nicht an ein Freigericht anlehnten, ihre Unabhängigkeit verloren. Und so finden wir denn vor der im vergangenen Jahrhunderte erfolgten Ablösung die meisten Höfe des Amtes Vechta in irgend einem guts- oder schutzherrlichen Abhängigkeitsverhältnis. Nur wenige Bauern konnten die Stelle, auf der sie saßen, ihr Eigentum nennen. Rücksichtlich des Eigentumsrechts an den Höfen unterschied man:

1. Lehnsgüter d. h. solche Güter, die ursprünglich den Bischöfen, Grafen oder geistlichen Stiftern gehörten, mit denen andere als Vasallen belehnt wurden. Die Güter wurden unter der Bedingung gegenseitiger Treue in der Weise hingegeben, daß gewisse Rechte beim Verleiher (Lehnsherrn) verblieben, der Besitz und Genuß dem Beliehenen gegen Huldigung und Übernahme ritterlichen Dienstes zukam. Als mit dem Aufkommen der Söldnerheere der Adel sich vom Kriegsdienste zurückzog, wurde statt des Reiterdienstes eine geringe Abgabe entrichtet. Die Lehen wurden bald erblich und hießen Mannlehen, wenn sie in männlicher Linie, Kunkellehen, wenn sie sich auch in weiblicher Linie vererbten. Für den Amtsdistrikt Vechta kamen als Lehnsherrn in Betracht die Bischöfe von Münster und Osnabrück und die Grafen von Tecklenburg. Die Belehnung seitens des münsterschen Bischofs geschah unter dem Turm der Burg Vechta. Erst unter dem Bischof Ferdinand von Baiern, der bis 1650 regierte, mußten die Vechtaer Burgmänner, wie die übrigen Lehnsträger bei der münsterschen Kanzlei, seit 1803 bei der oldenburgischen Lehnskammer ihre Belehnung nachsuchen. Im Jahre 1811 wurden die lehnsrechtlichen Verhältnisse von der franz. Regierung aufgehoben, aber 1814 wiederhergestellt, die dann mit der Ablösung der gutsherrlichen Verhältnisse abgelöst wurden. Einige Lehnsallodifikationen (Eigentumsübertragungen an die Vasallen) hatten schon vor der franz. Revolution stattgefunden.

2. Allodialgüter, die im freien Eigentum der Bistümer, Klöster, Kirchen und des Adels befindlichen Höfe, auch "fry dorchschlachtig egen" genannt. Im 10. und 11. Jahrhundert besaß im nördlichen Teile des Amtes Vechta (Visbek und Bakum) neben dem Wildeshauser Alexanderstift das Kloster Korvey großen Grundbesitz. Im Laufe des 12. Jahrhunderts gingen die Korveyschen Besitzungen zum größten Teil verloren und gerieten in Privatbesitz. Nur bei einigen erhielt sich durch die Lehnsverbindung eine Abhängigkeit an Korvey, aber bei den meisten verlor sich auch das Lehnsverhältnis. Die meisten Höfe finden wir beim ausgehenden Mittelalter in den Händen der Landesherren in deren betreffenden Landesteilen, der Bischöfe von Münster und Osnabrück und der Grafen von Diepholz. Im münsterschen Teile des Amtes Vechta besaß auch der zahlreiche Adel, der sich in dem Vechtaer Burgmannskollegium eine feste Organisation schuf, viele Bauerngüter. Im osnabrückschen Teile war neben dem Landesherrn das Domkapitel von Osnabrück reich begütert. Dagegen hatte das münstersche Domkapitel im Niederstift keine Besitzungen, da letzteres kirchlich bis 1668 nach Osnabrück gehörte. Viele Güter hatte auch im Osnabrückschen die benachbarte Kommende Lage, einige auch das Stift Bersenbrück, während die Herren von Diepholz ihre Besitzungen in diesem Gebiete früh wieder veräußerten. Während des Mittelalters, namentlich vom 13. bis 16. Jahrhunderte, hat ein häufiger Wechsel des Eigentums stattgefunden, so daß in einem halben Jahrhunderte ein Bauerngut oft mehrmals durch Verkauf in andere Hände kam. Eine größere Ruhe des Besitzes trat erst dann ein, als im 16. Jahrhunderte die Rittergeschlechter zu größerem Wohlstande gelangten und ihre Hovesaaten durch Ankauf von Bauerngütern vergrößerten. Bei den Stiftern und Klöstern waren die Bauerngüter in den festesten Händen.

3. Freibankgüter, Güter, welche die Kolonen als freies Eigentum besaßen, und die sich anlehnten an die Freigerichte, zu denen aus dem freien Bauern- und Ritterstande die Freigrafen und Freischöffen genommen wurden. Als die Freistuhlgerichte aufhörten, haben viele Bauern teils durch eigene Schuld und schlechte Wirtschaft, teils durch die Ungunst der Zeit ihre Freiheit verloren. Ein Freigericht befand sich in der Bauerschaft Bieste (Ksp. Neuenkirchen), dessen Gerichtsbank bei der Mühle zum Stickteiche stand. 1298 und 1316 war Freigraf Friedrich v. Horne, 1522 werden 15 Freie namentlich aufgeführt; sie wurden später als münstersche Untertanen behandelt und besteuert. Sie waren verpflichtet, jährlich 1 Schwein zu liefern und 2 Spanndienste, einen bei Gras und einen bei Stroh, zu leisten. Ein Teil dieser Freien kam 1817 an Hannover, ein anderer an Oldenburg. -

Ein anderes Freigericht bestand im Dorfe Goldenstedt, die Krumme Grafschaft genannt, deren Gerichtsbank an der Pforte vor dem Kirchhofe auf der Straße stand, und deren Bezirk mit der Zeit auf die im Dorfe Goldenstedt zwischen den Brücken gelegenen Häuser zusammengedrängt wurde. Als besonderes Gericht wurde es von Münster aufgehoben und dem Gogericht auf dem Desum zugelegt. Es blieb aber die Gewohnheit bestehen, daß die Freien des Kirchspiels Goldenstedt unter ihrem Freigrafen, dem Meier von Ellenstedt, jährlich auf dem Kirchhofe zu Goldenstedt in Gegenwart des münsterschen Hausvogts einmal zusammenkamen und über Heergewedde und Gerade verhandelten. Beim Tode eines Freien zog nämlich der nächste männliche Verwandte von Mannesseite das Heergewedde (Kriegsrüstung), beim Tode einer der Freigrafschaft zugehörigen Frau die nächste weibliche Verwandte von der Frauenseite das Gerade (weibl. Kleidungsstücke, Schmuckgegenstände). Nach einer Verfügung vom Jahre 1600 sollte immer das nächste Blut ohne Rücksicht auf das Geschlecht Heergewedde und Gerade ziehen können, nach einer anderen vom Jahre 1640 sollten die von dem Heergewedde und Gerade ziehenden Freien 1 Rtlr. an den Richter und 1/2 Rtlr. an den Vogt entrichten, wobei die Abgabe von je 1 Schill. an den Freigrafen und die Gesamtheit der Freien bestehen blieb. Im Jahre 1798 gehörten zu dem Freigericht noch 24 Feuerstellen, 1817 wurde der letzte Rest vollständig aufgehoben, nachdem das Recht, Heergewedde und Gerade zu ziehen, schon früher aufgehört hatte. - Zu dem Freigericht in Addrup (Ksp. Essen) werden 1340 ein Johann de Hustede und Eylerus de Lüsche als Freie aufgeführt.

4. Oberhöfe mit ihren Unterhöfen. Die Großgrundbesitzer in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters ließen ihren Grundbesitz auf 2 ganz verschiedene Arten bewirtschaften, teils auf eigene Rechnung durch Leibeigene, teils als Besitz von Hörigen, die ihrem Grundherrn dafür zu Abgaben und Diensten verpflichtet waren. Das von dem Grundherrn selbst durch Leibeigene bewirtschaftete Land, terra salica, Salland genannt, wurde mit der Zeit besonderen Verwaltern, Meiern, übertragen, und diesen wurden die benachbarten zinspflichtigen Höfe unterstellt. So entstanden um die Mitte des Mittelalters die Oberhöfe mit ihren Unterhöfen. Ein solcher Haupthof war nach einem Register vom Jahre 1240 die bischöfliche Kurie in Bokhorna (Bokern bei Damme), die gegen einen Pachtzins (die 4. Garbe) von einem Schulzen oder Meier (villicus) bewirtschaftet wurde, und an die bis zur Errichtung des Amtshauses zu Vörden (um 1370) alle Einnahmen der Unterhöfe abgeliefert werden mußten. Ein weiterer Oberhof wird auch der Bröringmeierhof in Lohne gewesen sein, auf welchem noch bis in die Neuzeit die Hausgenossen am 2. Pfingsttage zusammenkamen und jeder ein Hausgenossenschaf lieferten. - Korveysche Oberhöfe waren die Kurie Südholz (Ksp. Bakum), die Kurie Visbek und Varnhusen, an welche die Korveyschen Zinsbauern ihre Pächte zu entrichten hatten. Die den Korveyschen Oberhöfen vorgesetzten Verwalter (Meier) wußten sich mit der Zeit der Abhängigkeit von Korvey ganz zu entziehen und die Höfe von sich abhängig zu machen. So entstanden aus der Kurie Südholz die südholzschen adeligen Güter.

English:

In the first centuries of the Middle Ages, the powers to be, rested with the (real) estate; the movable personal property had until the time of the crusades no importance. The bishops and abbeys, the dukes and counts as well as the king were first of all grand landowners. Their endeavor was directed to increase the ownership of ground and land and to make the inhabitants dependent on them. The unstable times of the later Middle Ages contributed to the fact, that the until then free remaining farms, in as far as they did not rely on the civil tribute, lost their independence. And so we find before the in the last century resulting redemption most of the farms of the district Vechta in a manorial or protectorate dependent situation. Only few farmers could call their place on which they resided, their property. In regards to the property rights of the farms, one differentiate between:

1. Fief (Lehnsgüter) i.e. such farmsteads which originally belonged to the bishops, counts or spiritual founders, on which others were invested as vassals. The farmsteads were given with the condition of mutual trust in such a way, that certain rights stayed with the investor (Lehnsherr = feudal overlords), the possession and use given to the tenant in exchange for allegiance and accepting knightly services. With the start of the mercenary army, the nobility withdrew from war duties and instead of knight service, a small duty was paid. The fief were soon inheritable and were called male fief (Mannlehen), when inherited by a male linage, Kunkellehen when inherited by female linage. For the jurisdiction of Vechta, the bishops from Muenster and Osnabrueck and the counts from Tecklenburg came as fief masters in consideration. The investment in the case of Muenster's bishops happened under the tower of the castle Vechta. Only under bishop Ferdinand von Baiern, who reigned until 1650, had the Vechtaer castle stewards (Burgmänner), like the other feudal tenants of the Muenster chancellery, since 1803 to the Oldenburger fiefs chamber explore their investment. in the year 1811, the french government dissolved the fiefs situation, but reestablished in 1814, then replaced with the liquidation of the manorial relationship. Some Lehnsallodifications (property transfers to the vassals) occurred already before the french revolution.

2. Allodial estates (Allodialgüter), the farmsteads in the free possession of the bishopric, abbeys, churches and nobility, also called "fry dorchschlachtig egen". Next to the Wildeshauser Alexander Stift, the monastery Korvey owned great real estate in the northerly part of the district Vechta (Visbek and Bakum) in the 10th and 11th century. During the 12th century, most of the Korveyer Ownership was lost and ended up in private hands. Only some kept their dependency on Korvey thru the fief connection, but for most, the vassalage was lost. At the end of the Middle Ages, most farms were in the hands of the sovereigns in the pertaining piece of land, the Bishops of Muenster and Osnabrueck and the Counts of Diepholz. In the Muenster part of the Vechta jurisdiction, many homesteads were owned by the many nobilities, who created a substantial organization in the Vechtaer Castel Steward Committee (Burgmannskollegium). In the Osnabrueck side, were apart from the rulers, the cathedral chapter from Osnabrueck blessed with riches. Were as the Muenster cathedral chapter in "Niederstift" (of Muenster) no possessions, since the later belonged to the church of Osnabrueck until 1668. Many homesteads had also in Osnabrueck the adjoining "Kommende Lage", some also the cloister Bersenbrueck, while the Sirs from Diepholz disposed of their properties early on. During the Middle Ages, namely from 13th to 16th century, frequent change of property toke place, so that a farm changes hands many times thru sales. A slowdown in turnover occurred only in the 16th century when the clan of knights reached bigger wealth and expanded their farmstead thru acquisitions of peasant farms. Farms belonging to the Founders and Abbeys, were in safer hands.

3. Bankfree Estates (Freibankgüter), estates which the farmers (Kolonen) owned as free property and relied upon the civil tribunal, who's magistrates (Freigraf) and free land owners were selected from the social stand of farmers and knights. At the end of the civil secret tribunal, many farmers lost their freedom partly do to their own fault and poor management, partly thru unfavorable times. A civil tribunal was located in the farm collective (Bauerschaft) of Bieste (Parish Neuenkirchen), who's court bench was by the Mill at Stickteiche. Magistrate (Freigraf) Friedrich v. Horne was listed in 1298 and 1326, 15 free-holder are listed by name 1522, which were later considered and taxed as Muenster's subjects. They were obligated to deliver 1 pig, 2 jobs of hauling freight, one of grass and one of straw. Some of these free born citizen came in 1817 to Hannover and some to Oldenburg. - Another civil tribunal existed in the village Goldenstedt, called: the crooked earldom (Krumme Grafschaft), who's court bench was located in the street in front of the cemetery gate, and who's district shrank down to the houses located between the bridges in the village of Goldenstedt. As a special court it was dissembled and added to the District Court of Desum (near Emstek). But the custom remained, that the free born citizen of the parish Goldenstedt, under their Magistrate (Freigraf), the Meier of Ellenstedt, would meet yearly in the church yard of Goldenstedt in the presence of the Muenster Judge to negotiate over the war equipment (Heergewedde) and female properties (Gerade). Because at the death of a free born citizen, the next male relative from the man's side would inherit the war equipment (Heergewedde), at the death of a woman belonging to the magistracy, the next female relative from the woman's side would inherit her property (Gerade = clothes, jewels). According to a courts order from the year 1600, the next in the family, without consideration as to the gender, should be able to inherit the war equipment (Heergewedde) and female properties (Gerade); another one from the year 1640 were the born free citizen inheriting the war equipment and female property, was required to pay 1 Reichtaler to the judge and 1/2 Reichtaler to the administrator (Vogt), whereby the levy of a shilling each to the magistrate (Freigraf) and the total sum of the born free citizen's existence continued. 24 hearth still belonged to the civil tribunal in 1798, but were dissolved in 1817, after the right to inherit war equipment and female properties was stopped earlier. - To the civil tribunal in Addrup (Parish Essen) one Johann de Hustede and Eylerus de Luesche were listed as free born citizen.

4. Masterfarms (Oberhöfe) with their subfarms (Unterhöfe). The grand land owners let their real property be farmed in 2 very different ways, partly to once own expense thru serfs, partly as owner of serfs who then were obligated to pay with goods or service. The land worked thru serfs, terra salica, called Salland (a seigneur's private land on the manor), was eventually transferred to special managers, "Meiern", and were in charge of the neighboring tribute paying farms. That is how the Masterfarms (Oberhöfe) and Subfarms (Unterhöfe) came into being in the middle of the Middle Ages. According to the register from the year 1240, Diocesan Kurie in Bokhorna (Boken near Damme) was such a masterfarm, which was rented out (the 4th sheaf) to a tax collector (Schulzen) or Meier (villicius). Until the establishing of the local tax administrator (Amtshaus) in Voerden (circa 1370), the subfarmers had to deliver their earnings to them. Another masterfarm was very likely the Broeringmeierhof in Lohne on which until modern times, the tenants (Hausgenossen) met on the second day of Pentacostal and everybody brought a sheep (Hausgenossenschaf).- Korveyer masterfarms were the Curia Suedholz (Parish Bakum), the Curia Visbek and Varnhusen, to which the Korveyer tithes paying farmers had to pay the rent. The appointed managers (Meier) of the Korveyer masterfarms knew in time to withdraw from the dependance of Korvey and to make the farms self-sufficient. That is how the Curia Suedholz became the Suedholzer Nobel estates.

© 1999

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